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ÜBERSICHT:
Bewegung könnte - um ein Bild zu verwenden - als ein Motor unserer Gesamtentwicklung betrachtet werden. Bereits Neugeborene kommunizieren über Bewegung mit ihrer Umwelt - unbewusst über die Neuromotorik über angeborene Reflexe.
Diese „unbewusste“ Kommunikation erzielt Wirkungen auf die Gegenüber, schon sehr früh entsteht ein „typisches“ Bild des Neugeborenen - nicht nur für die Eltern.
Reflexe - wie der „Moro - Reflex“ - ermöglichen eine lehrreiche Erfahrung verschiedenster Zustände des eigenen Körpers, hier der Beugung und Streckung der Extremitäten.
Bewegung sei hier nicht verstanden als bloße Lageveränderung einzelner Körperteile oder des ganzen Körpers, vielmehr ermöglicht sie eine Orientierung im Raum, ist Ausdruck der Persönlichkeit und hilft beim Aufbau eines Kontakts zur Umwelt.
Die Qualität menschlicher Bewegungen verändert sich im Laufe der motorischen Entwicklung ständig. Von unbewusst ablaufenden Reflextätigkeiten bis hin zu exakt ausgeführten feinmotorischen Bewegungen und der Darstellung innerer Stimmungen , Empfindungen (Pantomime, Mimik ) reicht die menschliche Bewegungsentwicklung.
Diese enorme Entwicklung der Motorik geschieht durch einen ständig ablaufenden Adaptionsprozess. Dies bedeutet, dass innerhalb dieses Adaptionsprozesses die Faktoren
Erbanlagen, Gene
Reifungs-, Wachstumsprozesse
Umweltreize, Übungsmöglichkeiten
eine entscheidende Rolle spielen.
Die Bewegungsentwicklung kann so als Prozess zunehmender Befähigung des Individuums in Wechselwirkung von Wahrnehmung und Sich-Bewegen, Reize aus der Umwelt wahrzunehmen
zu verarbeiten und alternativ zu gestalten gesehen werden.
Bedingungen für einen optimal ablaufenden Adaptionsprozess sind:
ein intaktes Sensorium
eine intakte kognitive Verarbeitungsmöglichkeit der sensorischen Reize
eine intakte zentralmotorische Steuerung
eine intakte emotionale Verarbeitungsmöglichkeit der sensorischen Reize
Umweltstimuli müssen in ausreichendem ,Maße vorhanden sein
Das gesamte Bewegungsverhalten ist als Reaktion auf Informationen der Umwelt maßgeblich von der Funktionsfähigkeit und -tüchtigkeit der Wahrnehmungsorgane abhängig.
Es leuchtet ein, dass Bewegungen und ihre qualitativen und quantitativen Veränderungen im Laufe der motorischen Entwicklung einen entscheidenden Einfluss auf die gesamte Persönlichkeitsentwicklung haben. Mittels Bewegung kommuniziert der Mensch von Beginn an mit der Umwelt, erschließt sich die zunächst unbekannte neue Welt.
Die Entwicklung der Kognition, Emotionalität und des Sozialverhaltens hängt wesentlich von der Qualität und der Quantität des jeweiligen individuellen Bewegungsverhaltens ab.
1.2 Problematisierung einzelner Beschreibungen über das „Bewegungsverhalten von Menschen mit einer
geistigen Behinderung“
Es gibt zahlreiche Untersuchungen zum Bewegungsverhalten von Menschen mit einer geistigen Behinderung.
Solche Untersuchungen sind meiner Ansicht nach nicht unproblematisch, da hier u.U. von einer homogenen Personengruppe ausgegangen wird, die tatsächlich so wohl nicht umfassend beschrieben werden kann.
Hier einige Untersuchungsergebnisse im Überblick:
Das Bewegungsverhalten geistig behinderter Menschen ist laut dem Gutachterurteil von 1974 des Deutschen Bildungsrates in den ,,Dimensionen Qualität und Quantität gestört. Schilling stellte in einer 1979 durchgeführten Untersuchung fest, dass ,,96% aller Geistigbehinderten pathologische Bewegungsmuster aufweisen , dagegen die Alltagsmotorik, mit weniger Anforderungen an koordinative Fähigkeiten, weniger gestört und beeinträchtigt ist als die Gesamtkörperbewegungen, bei denen eben diese höheren koordinativen Fähigkeiten notwendig sind.
Adolph beschreibt bei Geistigbehinderten meist auftretende psychomotorische Störungen (Psychomotorik: Systematische Koordination aller an einer Bewegungshandlung beteiligten Teilprozesse wie Regelung, Steuerung, Antriebe, Einstellung) wie:
- Feinkoordination
- Anpassung / Umstellfähigkeit
- Koordination von Wahrnehmung
- Handlungsplanerstellung für eine motorische Handlung
Gleichzeitig weist sie auf den wichtigen Defizitbereich infolge geistiger Behinderung, die Bewegungsmangelkrankheiten, hin.
Schilling kam zu dem Ergebnis, dass das Bewegungsverhalten am meisten in
- Geschwindigkeit Reaktionszeit
- Körperschema
- Raum-, Zeitorientierung
gestört sei.
Kiphard beschreibt, dass vor allem
- die Kraft (bis zu 50% weniger als bei Nichtbehinderten)
- die Koordination
- die Balance
bei Menschen mit einer geistigen Behinderung beeinträchtigt sind.
Dazu sei vermerkt, dass die beobachtbare Diskrepanz zwischen der motorischen Entwicklung Nichtbehinderter und geistig Behinderter im Laufe der Jahre größer wird. Das bedeutet, der motorische Entwicklungsrückstand vergrößert sich im Laufe der gesamten Persönlichkeitsentwicklung eines Geistigbehinderten. Das hat natürlich Auswirkungen auf den geistig behinderten Menschen wie auch auf seine nächsten Bezugspersonen
Als in Frage kommende Ursachen für das gestörte Bewegungsverhalten Geistigbehinderter nennt das Gutachterurteil des Deutschen Bildungsrates folgende Ursachengruppen
- Geistige Behinderung
- parallel auftretendes gestörtes Bewegungsverhalten
- als Folgeerscheinung auftretendes gestörtes Bewegungsverhalten
Riebel beschreibt folgende Ursachenmöglichkeiten:
- motorische Insuffizienz
- mangelndes Instruktionsverständnis
- mangelndes Kurzzeitgedächtnis
- Wahrnehmungsbehinderungen
- gestörte Wahrnehmungsselektion
- mangelnde Kompensationsfähigkeit des Organismus Geistigbehinderter
Da eine geistige Behinderung selten als eine Schädigung eines begrenzten Hirnbereichs diagnostizierbar ist, sondern meist umfassende Störungen angenommen werden müssen, sind häufig vielfältige motorische Dimensionen betroffen. Dabei ist es dem Beobachter oft nicht möglich, mögliche Ursachen und beobachtbare Wirkungen voneinander zu trennen. Allzu oft findet gerade im motorischen Bereich eine Wechselwirkung statt, die oft als Teufelskreis bezeichnet werden muss.
Es ist zu betonen, dass zwischen Ursache und Wirkung eine dauernde Wechselwirkung besteht. So ist es sehr schwer zu diagnostizieren, welche motorischen Retardierungen ursächlich mit der geistigen Behinderung zusammenhängen und welche mehr aus ständiger Unterforderung, fehlender Umweltreize, fehlendem Selbstbewusstsein resultieren.
Die Folgen der motorischen Retardierung für die gesamte Entwicklung des Menschen mit einer geistigen Behinderung sind bedeutsam. Eine gestörte Bewegungsentwicklung in Qualität und Quantität wirkt sich sicherlich negativ auf die Bereiche der Kognition, Emotionalität und des Sozialverhaltens aus.
So versucht Adolph diesen Zusammenhang von Ursache und Wirkung in den Bereichen
- Wahrnehmung, Funktionstüchtigkeit der Wahrnehmungsorgane
- Kognition
- Emotionalität
- affektiver Bereich
zu beschreiben. Sie sieht in einzelnen, isoliert auftretenden Störungen immer auch die Kombination und die Wechselwirkung untereinander, kombiniert mit Sekundärschäden.
Nach Adolph ist der Umkehrschluß zwingend, eine gestörte Bewegungsentwicklung hat entscheidende Auswirkung auf die Wahrnehmung, die Kognition und die Emotionalität des geistigbehinderten Menschen.
Sie betont dabei, dass das Phänomen der geistigen Behinderung in letzter Zeit immer mehr als Mehrfachbehinderung beschrieben wird, womit die wechselseitige Abhängigkeit der nebeneinander beobachtbaren Einzelbehinderungen verdeutlicht werden soll.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass eine globale Skizzierung des Bewegungsverhaltens geistigbehinderter Menschen für einen auf die einzelnen Schülerinnen und Schüler bezogenen Unterricht nur als allgemeiner Wegweiser sinnvoll und gewinnbringend ist. Eine allgemeine Beschreibung möglicher Bewegungseinschränkungen und therapeutisch/medizinisch zu beachtender Gesichtspunkte ( z.B.: bei Menschen mit einem Down – Syndrom ein vermehrt auftretender Herzfehler ) kann dabei als Hinweis auf mögliche Einschränkungen und Schädigungen dienen.
Im Einzelnen sollte das Bewegungsverhalten in all seinen Ausdrucksformen bei dem einzelnen Menschen mit Behinderung angeschaut und diagnostiziert werden.
Die Bedeutung regelmäßiger und adäquater Bewegungsmöglichkeiten für Schülerinnen und Schüler der Schule für Geistigbehinderte sollte dabei betont und berücksichtigt werden.
Der Bildungsplan der Schule für Geistigbehinderte führt im 4. Lernbereich den Themenbereich Bewegungserziehung/Sport als eigenständigen Bereich auf. Es werden folgende Zielsetzungen formuliert:
- Räume oder Teile eines Raumes für Spiel, Sport oder Arbeit herrichten
- Spiele oder Tätigkeiten vorschlagen, durchführen, variieren und zu Ende führen
- Freizeit zur Entspannung und Erholung nutzen
- Freizeit zu kreativem Tun nutzen
- Befolgen von notwendigen Regeln
- Regeln veränderten Situationen entsprechend anwenden
- Grenzen seiner Leistungsfähigkeit erleben und danach handeln
- Geräte und technische Einrichtungen der Wohnung/Schule kennen, sich ihrer bedienen und sie zweckgerecht behandeln
- mit dem ganzen Körper (liegen, sitzen, knien, stehen, beugen, strecken, ruhen, krabbeln, kriechen, gehen, laufen, springen, hüpfen, steigen, klettern, hangeln, rutschen, gleiten, schwimmen)
- mit Händen und Füßen (greifen, halten, loslassen, klatschen, ziehen, drücken, rollen, drehen, fangen, werfen, prellen, strampeln, planschen)
- mit Geräten (Ball, Seil, Reifen, Keulen, Wasserspielzeug, Bänke, Balken, Treppe, Leiter,Trampolin, Kinderfahrzeuge)
- Geschicklichkeitsspiele (balancieren, Hüpfspiele, Hindernislauf)
- Laufspiele (Fangspiel, Wettlauf, Staffellauf)
- Ballspiele (Prellball, Jägerball, Fußball, Handball, Tischtennis, Federball)
- Schwimmen
- Leichtathletik
- Gymnastik/Turnen
Folgende Hinweise finden sich:
Bewegungsfähigkeit ist Grundlage der kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklung. Die bei geistigbehinderten Schülern vorliegenden Bewegungsbeeinträchtigungen erfordern grundlegende und durchgehende Bewegungserziehung.
Die früh einsetzende und kontinuierliche Bewegungserziehung unter besonderer Berücksichtigung der Ziele des Lernbereichs ,,Basale Förderung" versucht, der Gefahr der Verfestigung von Bewegungsbeeinträchtigungen entgegenzuwirken und bestehende Bewegungsbeeinträchtigungen zu vermindern.
Bewegungserziehung muss in der Gesamtförderung Geistigbehinderter enthalten sein. Sie wird in eigens ausgewiesenen Unterrichtsanteilen im Hinblick auf sportliche Betätigung weitergeführt.
Sportlich ausgerichtete Bewegungserziehung hat die körperliche Belastungsfähigkeit der geistigbehinderten Schüler zu verbessern. Im Einzelfall sind konstitutionelle Gegebenheiten
(z.B. Herz- oder Anfallsleiden, motorische und sensorische Schädigungen) im Zusammenwirken mit dem Arzt abzuklären und zu berücksichtigen.
Bewegungserziehung steht in engem Zusammenhang und in Wechselwirkung mit dem musikalisch-rhythmischen Bereich, mit dem Spiel- und Freizeitbereich. Im Rahmen der Bewegungserziehung ergeben sich zahlreiche Lernanlässe, an denen vor allem Ziele des Lernbereichs - Selbsterfahrung/Selbstversorgung verwirklicht werden können (Kleidung aus- und anziehen, Körperpflege, Toilettenbenutzung vor dem Schwimmen).
Bewegungserziehung geht sowohl vom freien, spielenden Tun als auch von gezielten, auf Leistungssteigerung angelegten Übungen aus. Leistungssteigerung soll der Gesunderhaltung dienen, aber auch dem geistigbehinderten Schüler die Möglichkeit gehen, seine Fähigkeiten in eigener Selbsteinschätzung und im Wettbewerbsvergleich mit anderen kennenzulernen. Hierbei sind Überforderungen und einseitige Beanspruchungen auszuschließen. Im Bereich der Bewegungserziehung bietet sich die Zusammenstellung von klassenübergreifenden Neigungsgruppen an.
Bewegungserziehung durch Wassergewöhnung und Schwimmenlernen hat für geistigbehinderte Schüler einen besonderen Stellenwert. Im Wasser sind zusätzliche wesentliche Körper- und Bewegungserfahrungen möglich.
Sportliches Können trägt zum Aufbau eines Selbstzutrauens bei und führt damit zur Reduzierung vorhandener Ängste.
Sportunterricht an der Schule für Geistigbehinderte fällt - wie an anderen Schulen ebenso -des öfteren organisatorischen und personellen Engpässen zum Opfer. Der Aufstellung des Bildungsplans als Begründung für ein eigenständiges Fach Sport und Bewegungserziehung muss nichts hinzugefügt werden, außer vielleicht der Bemerkung, sich an der Schule für eine Durchführung des Sportunterrichts einzusetzen.
2.2 Handeln, Freizeit, Kooperation und Integration, Gesundheit
Eine wichtige Grundlage jeden Lernens - nicht nur in der Schule für Geistigbehinderte -
der handelnde Umgang mit der Umwelt. Dieser wesentliche Baustein jeder sonderpädagogischen Arbeit ist im Rahmen eines Bewegungs- - und Sportunterrichts ideal verwirklichbar. Sicherlich ist die theoretische Betrachtung des Mediums „Ball“ und seiner physikalischen Eigenschaften eine Möglichkeit des Umgangs damit - näher liegt aber sicherlich handelnd damit zu agieren, in irgend einer Form damit Erfahrungen zu sammeln.
Der Stellenwert den Sport und Bewegung in unserer Freizeit einnehmen ist immens, die Möglichkeiten SchülerInnen zu Handlungskompetenzen innerhalb dieser Bereiche zu führen liegen auf der Hand. In unterschiedlicher Weise können SchülerInnen dazu befähigt werden, ihre Freizeit auch mit sportlichem Tun für sie sinnvoll zu gestalten.
Darüber hinaus ergeben sich im Bereich des Sports und der Bewegung vielfältige Möglichkeiten der Kooperation ( innerhalb der Schule, mit anderen Schulen, mit örtlichen Sportvereinen, mit Freizeiteinrichtungen ) und der Integration ( im Sportverein, in der Nachbarschaft, im Freundeskreis ).
Der gesundheitliche Aspekt einer regelmäßigen sportlichen Betätigung ist unbestritten, in vielen speziellen Aufgabenfeldern der Sonderpädagogik und angrenzender Disziplinen kann eine gezielte Bewegungsförderung sinnvoll eingesetzt werden
( Bewegungsmangelkrankheiten, cerebrale Bewegungsstörungen, Wahrnehmungsstörungen, Übergewicht, Ängste, progressive Erkrankungen )
Der Ansatz der Psychomotorik entwickelte sich hauptsächlich aus einer grundsätzlichen Kritik der bestehenden Sportpädagogik Ende der 60 er Jahre und in den 70 er Jahren. Leistungsvergleich mit anderen, Drill, Methoden des „Turnvaters Jahn“, für alle gleich geltende Lernziele im Sportunterricht - um nur einige Merkmale zu nennen, kennzeichnete das Fach Sport an den Schulen und machten es für die Mehrzahl der SchülerInnen unbeliebt.
Innerhalb des Ansatzes der Psychomotorik werden die vielfältigen Möglichkeiten der Bewegungserziehung für die Gesamtentwicklung des Menschen betont.
Wichtige Leitprinzipien sind u.a.:
- der hohe Aufforderungscharakter von Bewegungsangeboten
- der spielerische, explorative, lustvolle Zugang zur Bewegung
- kein Gegeneinander sondern ein Miteinander
- die Leistung des Einzelnen wird gewürdigt
- die eigene Leistungsverbesserung wird in den Vordergrund gestellt und nicht der Vergleich mit anderen oder übergeordneten Leitzielen
- der Mensch wird innerhalb eines Regelkreises Mensch - Umwelt - Sinneswahrnehmung - Bewegung beschrieben
- Betonung der Wechselwirkung Psyche - Motorik
- sonderpädagogische Grundsätze werden betont wie z.B.:
- vom Einfachen zum Komplizierten
- vom Vertrauten zum Fremden
- vom Nahen zum Fernen
- vom unmittelbar erlebten zum Abstrakten
Inzwischen finden sich viele Inhalte dieser damalige Gegenbewegung in neueren Ansätzen der Sportpädagogik.
kleine BEGRIFFSKLÄRUNG:
MOTORIK:
Das bewusste und unbewusste Haltungs- und Bewegungsgesamt des Menschen in der Funktionseinheit von Wahrnehmen, Erleben und Handeln.
PSYCHOMOTORIK:
Die enge Wechselwirkung von innerseelischen Vorgängen( Stimmungen, Gefühle, Affekte ) und Bewegungsäußerungen ( Gestik, Mimik, sprachliche Ausdrücke, Körperhaltungen, spontane Aktionen, Handlungen ). Außerdem der Zusammenhang zwischen motorischen Entwicklungsmöglichkeiten und der Entwicklung der Kognition.
PSYCHOMOTORISCHE ÜBUNGSBEHANDLUNG:
Förderung von sensomotorisch entwicklungsgestörten und in ihrer psychomotorischen Entfaltung behinderten Kindern. ( fand zunächst vornehmlich bei Kindern mit einer „minimalencerebralen Dysfunktion“ - „MCD“ Anwendung ).
MOTOPÄDAGOGIK:
„ Erziehung durch Bewegung“ „Konzept der Persönlichkeitsbildung über motorische Lernprozesse“. Auf der Basis der psychomotorischen Übungsbehandlung entwickeltes pädagogisches Konzept, das inzwischen in allen Bereichen der Sonderpädagogik und der Allgemeinpädagogik zur gezielten Förderung von psychomotorisch entwicklungsgestörten Menschen zur Anwendung kommt.
MOTOTHERAPIE:
Gezielte- meist - Einzelförderung von psychomotorisch entwicklungsgestörten Kindern. Dies kann notwendig und sinnvoll sein, wenn auf Grund einer ausgeprägten Entwicklungsver -zögerung, einer schweren Mehrfachbehinderung oder gravierenden Verhaltensschwierigkeiten eine Betreuung innerhalb einer motopädagogischen Übungsgruppe nicht sinnvoll erscheint.
MOTOPATHOLOGIE:
Die Lehre vom abnormen Bewegungsverhalten.
MOTOSKOPIE:
Das Beobachten, Beurteilen und Vergleichen einer Bewegungs - auffälligkeit mit der regelrechten Bewegungsentwicklung.
Von der Neuromotorik zur Psychomotorik
Neuromotorik
Damit ist vornehmlich die Reflexmotorik des Säuglings gemeint. Sie ist für den motopädagogischen Bereich praktisch ohne Bedeutung, erhält jedoch in der Mototherapie ihren Stellenwert. Das gilt besonders dort, wo krankhafte Störungen in den Reflexen die motorische Entwicklung behindern. Die rückständige oder in ihrem Ablauf gestörte neurologische Funktion und Organisation des kindlichen
Zentralnervensystems kann durch gezieltes neuromotorisches Training verbessert werden. Es sind dies vor allem krankengymnastische Therapieverfahren, die besonders im Säuglingsalter Anwendung finden. Sie bedienen sich der Techniken der Reflexhemmung pathologischer bzw. der Anbahnung normaler Haltungs- und Bewegungsmuster bei hirngeschädigten Säuglingen und Kleinkindern (BOBATH, VOJTA).
Im Grunde kann aber ein neuromotorisches Koordinationstraining in jedem Lebensalter angewandt werden. Selbst im Alterssport zielen wesentliche Trainingsreize darauf, der allmählichen Verarmung an Bewegungsmustern und Innervationsschemata entgegenzuwirken.
Wenn wir also den Terminus Neuromotorik gebrauchen, so wird damit lediglich der neurologisch-koordinative Aspekt des Bewegungsgeschehens angesprochen.
Sensomotorik
Hierunter verstehen wir die Funktionseinheit von Input und Output, von Reiz und Reaktion, von Wahrnehmen und Handeln. Dementsprechend zielen sensomotorische Trainingsverfahren auf eine verbesserte Integration zwischen Sinneseindruck und Bewegungsantwort. Ihre Anwendungsmöglichkeiten erstrecken sich von frühkindlichen Entwicklungsförderprogrammen bis zu den gezielten Therapie- und Rehabilitationsmaßnahmen bei Hirngeschädigten.
Jede Verbesserung in der Wahrnehmungsfähigkeit hilft die Umwelt besser begreifen. Ein spezifisches Wahrnehmungstraining wirkt sich positiv auf die Bewegungs- und Handlungsfähigkeit auch des gesunden Kleinkindes aus. Deshalb haben wir die Sinnesübungen an den Anfang unserer motopädagogischen Angebote gestellt.
Psychomotorik
Dieser Terminus weist auf den überaus engen Kontext zwischen psychischer und motorischer Entwicklung im Kindesalter hin. Seelisches und Körperliches stehen miteinander in so enger Wechselbeziehung, dass man sie als zwei Seiten eines einzigen Geschehens ansehen muss. Innerseelische Gehalte wie Stimmungen, Gefühle und Affekte drängen nach außen und drücken sich in Haltung und Bewegung aus. Kinder hüpfen und tanzen häufig spontan, wenn sie sich freuen.
Umgekehrt können Verstimmung, Ärger und Traurigkeit durch psychomotorische Übungen der Freude wie Hüpfen oder Tanzen positiv beeinflusst werden.Psychomotorik betont aber nicht nur die Aspekte der Gefühlsbefindlichkeit während des Bewegungserlebnisses. In ihr sind auch kognitive Anteile enthalten, je nachdem, wie stark die betreffende Bewegungsaufgabe das kindliche Problemlösungsverhalten herausfordert. Außerdem spielt dabei immer eine Rolle, wie stark das motorische Handeln verbal reflektiert wird.
So finden sich im zweiten dem eigentlichen Hauptteil motopädagogische Lerninhalte mit starkem situativen Aufforderungscharakter zu experimentierender oder vorausdenkender Lösungsfindung. Dabei werden die verfügbaren Bewegungsmuster durch Abwandlung immer neuen Erfordernissen angepasst. Das geschieht um so adäquater, je komplexer die jeweilige Bewegungssituation über intersensorielle Wahrnehmungskoppelung erfasst wird. Das bedeutet, dass der sensorische Input, die Fähigkeit wahrzunehmen das psychomotorische Verhalten mitbestimmt.
Der natürliche Bewegungsdrang des Kleinkindes zur expansiven Umwelteroberung kann durch ständige Einschränkungen blockiert und zuletzt als schuldhaft empfunden werden. Dauernd unterdrückte motorische Impulse ziehen eine Verarmung des Ausdruckverhaltens nach sich. Sie führen zu starken inneren Spannungen, die sich wiederum in muskulären Verspannungen äußern. Gefühls- und Bewegungsentwicklung stehen besonders im frühen Kindesalter in engster psychosomatischer Wechselbeziehung.
Psychomotorische Selbstverwirklichung und Identitätsfindung impliziert immer auch die Möglichkeit, zur motorischen Expansion und Expression. Motorische Aktivitäten sind notwendig, um innere Antriebe in energetische Entladungen zu überführen. Wegen der Wichtigkeit dieser psychomotorischen Entwicklungsprozesse haben wir den dritten Übungsteil den Gefühlsausdrucksübungen gewidmet. Sie fördern einerseits die Eigenwahrnehmung, Selbstdarstellung und die Durchsetzung eigener Bedürfnisse. Andererseits wird das Kind dabei auch zu Sozialwahrnehmungen geführt. Sie sind notwendig, um andere Meinungen und Bedürfnisse zu achten und anzuerkennen.
Soziomotorik
Die letztgenannten sozialen Wahrnehmungsprozesse sind die Grundlage einer bewegungsmäßigen Begegnung mit dem Du und dem Wir.
Soziomotorik betont in diesem Sinne den Sozialkontakt, die unmittelbare körperliche Interaktion, Kooperation und emotionale Kommunikation. Zwar sind die wissenschaftlichen Grundlagen soziomotoscher Prozesse bisher noch weitgehend unerforscht. Verg1ichen mit der Sozialinguistik, die sich mit der menschlichen Sprache als Kommunikationsmittel befasst, ist die Motorik als elementarstes Ausdrucks- und Kommunikationsmittel bisher noch viel zu wenig beachtet worden.
Ehe das Kind reif ist für soziale Kontakte und Beziehungen über die Soziomotorik, sollte es den Entwicklungsprozess einer Individuation vollzogen haben. Dabei übt das Kind im spielerischen Umgang mit sich selbst seine Individualmotorik. Hierdurch erfährt es die Bewegungsmöglichkeiten seines Körpers. Die Ich-Findung beginnt
immer körperlich, indem der eigene Leib durch die verschiedenen Tast-, Lage- und Bewegungsempfindungen als ein von der Umwelt sich abgrenzendes Ich erlebt wird. Dazu kommen Beobachtungen und Erlebnisse über die Auswirkungen eigener motorischer Aktivitäten auf Raum und Gegenstände.
Ehe das Kind mit anderen zurechtzukommen lernt, muss es gelernt haben, mit sich selbst klarzukommen. Das ist von besonderer Bedeutung für bewegungsbehinderte, aber auch für sprachbehinderte Kinder. Wegen ihrer Behinderungen und Störungen im Bewegungsbereich können sie nicht die Kontakte mit Gleichaltrigen knüpfen, wie es wünschenswert wäre. Außerdem ist ihre motorische Ungeschicklichkeit Anlass zur Ablehnung und Ächtung, so dass diese aufgrund ihrer funktionalen Minderwertigkeit förmlich aus der Gemeinschaft desintegriert werden. Um einem sozial benachteiligtem Kind wirklich helfen zu können, ist es notwendig, seine sozialen Beziehungen in familiären, schulischen und außerschulischen Umfeld genau zu kennen. Und es ist unumgänglich, gerade die Eltern und Erzieher zur Mitarbeit zu gewinnen, damit die Umweltbedingungen, Lebensumstände und Entfaltungsmöglichkeiten gebessert werden können. Das geschieht am kindgemäßesten über Spiel und Bewegung, zunächst individualmotorisch, später aber zunehmend auch sozialmotorisch. Erfolgreiche Erlebnisse und Erfahrungen in der täglichen Umweltmeisterung sind das beste motopadägogische und mototherapeutische Mittel zu positiven Verhaltensänderungen.
Je nachdem, welche Entwicklungshemmungen und Störungen bei einem Kind in Vordergrund stehen, werden innerhalb der Bewegungsförderprogramme bestimmte Schwerpunkte gesetzt. Sie zielen entweder auf eine Verbesserung der neuromotorischen bzw. sensomotorischen Koordination oder auf eine Verbesserung des psychomotorischen Individual- bzw. Sozialverhaltens, wie wir es mit den psychomotorischen und soziomotorischen Übungen erreichen können.
UNSER WAHRNEHMUNGSSYSTEM:
(Innenreize)
Vestibuläres System:( Innenohr/Bogengänge )
Erfahrungen über die (Innenreize) Körperschwerkraft, Körperlageveränderungen und das Körpergleichgewicht
Kinästhetisches System: ( Reizempfänger in den Muskeln und Gelenken.)
Erfahrungen über Muskelspannungen, Gelenkstellungen, Körperpositionen, Stellung einzelner Körperteile zueinander
(Außenreize)
Taktiles System:( Haut )
Erfahrungen von Berührungen einzelner Körperteile miteinander, tastende Orientierung mit dem eigenen Körper
Visuelles System: ( Augen )
Erfahrungen mit dem Ausmaßen des Körpers, Fixieren, Verfolgen eigener Körperbewegungen, Betrachten der Körperstellungen und einzelner Körperteile, Betrachten der Umwelt
Akustisches System:( Ohren )
Erfahrungen mit Geräuschen des eigenen Körpers und der umgebenden Umwelt
Gustatorisches System( Geschmackssinn )
Erfahrungen über die verschiedenen Geschmacksrichtungen von z.B.:Lebensmitteln, Genußmitteln ...
Olfaktorisches System( Geruchssinn )
Erfahrungen über die verschiedenen Geruchseindrücke der Umwelt
GEDANKEN ZUM BEGRIFF DER PSYCHOMOTORIK
Der Begriff der Psychomtorik ist eingebettet in eine ganzheitliche pädagogische Konzeption. Das bedeutet, dass die kindliche Entwicklung als ein Prozess ständig steigender Ausdifferenzierung, Strukturierung und Organisation zu höherer funktioneller Komplexität verstanden wird. Dieser Prozess vollzieht sich immer in einer Wechselwirkung zur Umwelt. Eine Weiterentwicklung ist abhängig von der Intaktheit der kindlichen Sinnes - und Bewegungsorgane und einer Außenwelt, die mit ihrer Reizfülle und ihrem Informationsgehalt zur Verfügung stehen muss.
Der Mensch und seine Umwelt sind damit immer eng miteinander verknüpft, ein sich gegenseitig beeinflußender Regelkreis liegt vor.
Dies bedeutet, dass über unsere Nah - und Fernsinne ständig eine Vielzahl von Umweltreizen aufgenommen wird. Diese Reize werden aber nicht nur aufgenommen, gefiltert und verarbeitet, sondern es erfolgt eine Reaktion, wir wirken unsererseits wieder handelnd auf die Umwelt ein. Dieses Handeln setzt genauso wie die Aufnahme der Reize aus der Umwelt ein regelrechtes Funktionieren unserer Nah - und Fernsinne voraus.
Innerhalb dieser Funktionseinheit von Wahrnehmen und Sich Bewegen ( Definition der Neuromotorik ) werden unsere Sinne durch unsere motorischen Handlungen geschärft und weiterentwickelt. Die Psychomotorik fügt dieser Funktionseinheit eine wichtige Komponente hinzu - die Emotionalität. Wir nehmen wahr, die Filterung und Verarbeitung der Reize geschieht unter Einbeziehung unserer Emotionalität, danach erfolgt unsere motorische Handlung.
Ein Beispiel für dieses wechselseitige Geschehen:
Wir nehmen über unsere Nah - und Fernsinne ( vestibuläres, kinästhetisches und visuelles System ) eine Veränderung der Bodenbeschaffenheit ( z.B. eine schiefe Ebene ) wahr. Diese Veränderung der Umweltreize bewirkt eine Störung unseres organismischen Gleichgewichts ( Homöostasie ).Unser Organismus wird nun versuchen, mit Hilfe einer motorischen Antwort sein Gleichgewicht wiederherzustellen. Je nachdem wie unsere psychische Befindlichkeit, unsere motorischen Vorerfahrungen und motorischen Möglichkeiten sind, wird unsere Antwort ausfallen.
Innerhalb dieser sehr komplexen Wechselbeziehung zwischen dem Mensch und seiner Umwelt können eine Vielzahl von Störfaktoren auftreten.
Diese Beeinträchtigungen können in Form verschiedenster Behinderungen als auch als Ausdruck eines unzureichenden Wahrnehmungsangebots der Umwelt auftreten. Auch diese möglichen Störfaktoren stehen in einer engen Wechselwirkung, dies bedeutet u.U. eine negative Summierung. Grundsätzlich ist es in der Praxis äußerst schwierig innerhalb dieser vielfältigen Wechselbeziehungen ursächliche Störfaktoren zu diagnostizieren.
Grundsätzlich lassen sich folgende hauptsächlichen “Störfaktoren” beschreiben:
KÖRPERBEHINDERUNGEN
Die Funktionsfähigkeit des Bewegungsapparats ist in unterschiedlicher Weise eingeschränkt. Hier wird der so eingeschränkte Organismus versuchen durch ein geändertes Bewegungsverhalten sich seiner Umwelt anzupassen.
BEWEGUNGSBEHINDERUNGEN
Trotz körperlicher Unversehrtheit, meist auf Grund einer frühkindlichen Hirnschädigung, kann es zu einem weitreichendem Verlust an Bewegungsqualität kommen. Häufig beobachtete „bizzare“ Bewegungen sind u.U. auf eine Überkompensation zurückzuführen.
SINNESBEHINDERUNGEN
Eine der Hauptursachen psychomotorischer Verhaltensstörungen. Die Störung innerhalb einer Sinnesbehinderung kann in Form eines Funktionsausfalls oder - einschränkung (Blindheit, Sehbehinderung, Taubheit, Hörbehinderung) auftreten. Ebenso kann es bei einem intakten Sensorium zu Leitungs- - und Verarbeitungsstörungen der aufgenommenen Reize kommen (z.B. Autismus). Viele der für uns oft nicht verständlichen Anomalien im Bewegungs- - und Sozialverhalten sinnesbehinderter Menschen (Stereotypien, Unruhe, Fixierung auf einen einzelnen Reiz, übergroße Ängstlichkeit, Wutausbrüche, Autoaggressionen ) können ihren Ursprung in einer völlig fehlenden Wahrnehmungsmöglichkeit oder in einer unzureichenden Filterung eintreffender Reize ( hilfloses Ausgeliefertsein, Reizüberflutung ) haben.
KOGNITIVE BEHINDERUNGEN
Sehr häufig ist eine hirnorganische Schädigung Ursache für motorische und sensorische Behinderungen. Bei Menschen mit einer geistigen Behinderung ist mit einer zunehmender Ausprägung der kognitiven Leistungsschwäche eine vermehrte Undifferenziertheit und Ungesteuertheit des motorischen Gesamtverhaltens verbunden.
EMOTIONAL - SOZIALE BEHINDERUNGEN
Hier führen exogene, umweltbedingte Faktoren ( Umweltreizentzug bei sozialer Deprivation, Hospitalisierung, Erziehungsschäden ) zu Entwicklungsbehinderungen und damit auch zu motorischen Fehlentwicklungen.
Bedeutsam erscheint hier der Hinweis, dass zwischen all den beschriebenen Störfaktoren enge Wechselbeziehungen bestehen. So befindet sich ein behindertes Kind sehr oft in einem regelrechten, sich immer wieder neu aufbauenden Teufelskreis.
Ein Beispiel:
Eine übergroße Ängstlichkeit eines behinderten Kindes kann zu einer Erschwerung in der Exploration seiner Umwelt führen und damit zu ungenügenden Bewegungs- erfahrungen und ausgeprägtem Meidungsverhalten. Daraus resultierende Negativerfahrungen im gesamten Bewegungsbereich und im sozialen Umfeld verstärken meist diese Ängstlichkeit und damit auch die daraus resultierenden Folgeerscheinungen. Innerhalb dieser sich oft negativ aufschaukelnden Interaktion ist es zudem sehr schwierig Ursache und Wirkung auseinander zu halten.
Die psychomotorische Förderung muss versuchen solche oft beobachtbare Negativkreisläufe zu unterbrechen. Zu Beginn muss die genaue Kenntnis des bisherigen Lebenswegs und eine exakte Bewegungsdiagnostik stehen. Danach geht es vornehmlich darum, den behinderten Mensch zu befähigen, die Umweltanpassung und Umweltaneignung trotz bestehender Störungen zu vollziehen. Dies bedeutet, dass es über ein speziell ausgesuchtes Geräte - und Interaktionsangebot dem behinderten Mensch möglich sein soll mit seiner materiellen und sozialen Umwelt zu kommunizieren.
Unser Beispiel:
Spielerische Bewegungsangebote mit hohem Aufforderungscharakter und ohne Leistungsdruck (u.U. zu Beginn in einer kleinen Gruppe oder innerhalb einer Einzelbetreuung) Leicht zu bewältigende Aufgabenstellungen mit starker positiver Verstärkung. Miteinbeziehung beliebter Spielgeräte in die Bewegungsaktivitäten. Zu Beginn setzt die Förderung dort ein, wo vorhandene Störfaktoren eine Interaktion des Kindes mit seiner dinglichen und sozialen Umwelt behindern.
Sportunterricht an der Schule für Geistigbehinderte will und kann keine psychomotorische Übungsbehandlung und keine Mototherapie sein. Lernfelder innerhalb vielfältiger Bewegungssituationen sind stets verknüpft mit anderen Handlungs- - und Lernfeldern der Schule. Querverbindungen drängen sich geradezu auf und sind anzustreben.
Nichts desto trotz sind viele Prinzipien und Ideen aus der Motopädagogik sinnbringend in den Bewegungs- - und Sportunterricht der Schule für Geistigbehinderte integrierbar. Vor allem der sehr differenziert mögliche Einsatz vieler Geräte ( siehe Skript ) in Verknüpfung mit sonderpädagogischen Inhalten trägt zu einer Bereicherung des Fachs Bewegungserziehung/Sport bei.
Bewegungserziehung und Bewegungsförderungen bei Menschen mit einer Schwermehrfachbehinderung
Bewegungserziehung und Bewegungsförderung meint hier nicht funktionelle Stimulation sondern Beziehungsförderung und Kommunikationsförderung. Ebenso bezieht sich der unterrichtliche Umgang im Bereich der Bewegung nicht auf eine Leistungs- - und Produktorientierung verbunden mit einer pädagogischen Orientierung am Defekt, sondern die Persönlichkeits- - und Erlebnisbildung, das spielerische Handeln innerhalb einer freien Entwicklung steht im Blickpunkt.
Viele Menschen mit einer schweren Mehrfachbehinderung sind auf ihren körpernahen Wirkungs- - und Erlebnisraum begrenzt.
Viele Ansätze der Bewegungsförderung ( siehe Aufsatz von S. Kuntz ) haben ihren Ursprung im handelnden Umgang mit motorisch geringfügig eingeschränkten Kindern und Jugendlichen. Die Notwendigkeit einer Übertragung auf den Personenkreis von Menschen mit einer schweren Mehrfachbehinderung setzt eine Schwerpunktsetzung auf das Erleben und das Erfahren des eigenen Körpers voraus.
Betasten
Berühren
Ergreifen
Bewegen
Erfahrungen über den Mund
Reflexe
Stellreaktionen
...
J. Ayres benützt den Begriff der Bildung „körpereigener Landschaften“.
Der Ansatz der Psychomotorik unterscheidet drei Handlungskompetenzen:
Ich -Kompetenz
Sach - Kompetenz
Sozial - Kompetenz
Diese Einteilung ist entwicklungsbezogen aufgebaut, die Bereiche sind untereinander auf sich bezogen und sie überschneiden sich. Die Erfahrung des eigenen Körpers spielt eine zentrale Erfahrung innerhalb der menschlichen Entwicklung und soll nachfolgend näher beschrieben werden.
Kuntz unterteilt die Körpererfahrung in drei Aspekte:
physiologischer Aspekt
emotionaler Aspekt
kognitiver Aspekt
Er nennt vor allem den physiologischen verknüpft mit dem emotionalen Aspekt als bedeutsam für die psychomotorische Förderung von Menschen mit einer Schwermehrfachbehinderung.
Eine Fülle von verschiedensten Wahrnehmungseindrücken wird durch Propriozeptoren und Extereozeptoren des menschlichen Körpers aufgenommen und zu einer Informationsaufnahme und Weiterverarbeitung weitergeleitet. Das Körperschema kann als sich im Gehirn abbildende Information über einzelne Regionen des Körper und die Zusammengehörigkeit einzelner Abschnitte des Körpers angesehen werden. Wichtig dabei zu beachten ist die Annahme von J. Ayres, dass das Körperschema nicht als bloße Summe einzelner Sinneswahrnehmungen zu betrachten ist, sondern als Ergebnis einer intersensorischen Integration zu verstehen ist.
Bestehen Probleme oder Einschränkungen in der Aufnahme und/oder in der Verarbeitung von unterschiedlichsten Wahrnehmungseindrücken, besteht die pädagogische Aufgabe in einer gezielten Heranführung an körpereigene und von außen kommende Reize.
In einigen neueren Publikationen innerhalb der Psychomotorik wird der Begriff der „basalen Stimulation“ durch „psychomotorischen Dialog“ ersetzt. Dies soll zum Ausdruck bringen, dass jede Förder - und Bewegungssituation eine wechselseitige Beziehung beinhaltet und auf keinen Fall eine, in der auf einer Seite ausschließlich agiert und auf der anderen Seite passiv empfangen wird. Dies bedeutet im gemeinsamen Tun mit Menschen mit einer Schwermehrfachbehinderung, dass eine wechselseitig sich beeinflussende Beziehung entsteht, innerhalb einer Bewegungssituation bei allen Beteiligten Emotionen, neue Erfahrungen, gegenseitiges Kennenlernen entstehen können.
Diese deutliche Betonung einer tragfähigen Beziehung im gemeinsamen Tun führt zu beachtenden Gesichtspunkten:
eine gewachsene Beziehung ist die unbedingte Voraussetzung für viele Bewegungssituationen ( der sogenannte Sprung ins kalte Wasser ist absolut ungeeignet )
Bewegungssituationen müssen zuallererst auf einer vertrauensvollen, sicherheitsgebenden Basis erlebt werden
eine Ritualisierung und nur sehr vorsichtige Veränderung von Bewegungsangeboten ist oft sinnvoll
eine sensible Beachtung aller Signale meiner Gegenüber ist von großer Bedeutung, viele Bewegungssituationen ( Wasser, Airtramp, Trampolin, fahrende und schaukelnde Objekte ) sind nicht nur sehr wertvoll in ihrem Einsatz sondern nicht selten mit vielen Ängsten besetzt
Eine große Bedeutung innerhalb der Bewegungsförderung von Menschen mit einer Schwermehrfachbehinderung spielen Bewegungssituationen im Bereich der Förderung der vestibulären und kinästhetischen Wahrnehmung. Die Notwendigkeit der Förderung innerhalb dieser grundlegenden Wahrnehmungsbereichen ergibt sich häufig auf der Grundlage einer schweren geistigen Behinderung und damit verbunden einer schwerwiegenden Beeinträchtigung der Erfahrungsaufnahme und - weiterverarbeitung innerhalb dieser Wahrnehmungsbereiche.
6. Literaturliste:
1. Adolph, H. Sport mit Geistigbehinderten
2. Aucouturier/LapierreBruno, Bericht über eine psychomotorische Therapie
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